Es beginnt oft ganz harmlos: Die ersten warmen Tage, saftig grünes Gras und die Vorfreude, das eigene Pferd endlich wieder auf die Weide zu lassen. Ein paar Minuten werden schnell zu einer halben Stunde, dann zu einer Stunde – „es wird schon gut gehen“. Doch genau hier liegt das Problem!
Denn jedes Frühjahr wieder häufen sich die Fälle von Hufrehe und Koliken und viele davon haben denselben Ursprung: ein zu frühes oder unkontrolliertes Anweiden. Was für uns nach einem harmlosen Schritt „zurück zur Natur“ klingt, kann für das Pferd schnell zur ernsthaften Gefahr werden!
Warum passiert das immer wieder? Und warum unterschätzen so viele Pferdebesitzer die Risiken, obwohl die Folgen im schlimmsten Fall lebensbedrohlich sein können?

Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen im Frühjahr wächst bei vielen Pferdehaltern (und den Pferden) die Vorfreude auf den Weidegang. Das frische Grün scheint eine willkommene Abwechslung nach den Wintermonaten zu sein. Doch gerade in Phasen, in denen die Nächte noch von Frost geprägt sind und die Temperaturen tagsüber deutlich ansteigen, ist Vorsicht geboten. Ein zu früher Weidebeginn kann für Pferde erhebliche gesundheitliche Risiken mit sich bringen – und diese gehen weit über die allgemein bekannten Probleme (Blähungen und Durchfall) hinaus.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Stoffwechselaktivität der Gräser. Unter Sonneneinstrahlung betreiben sie Photosynthese und produzieren dabei Zucker, insbesondere sogenannte Fruktane, die als Energiereserve dienen. Unter normalen Bedingungen werden diese Zucker für das Wachstum verbraucht. Bei Frost jedoch ist das Wachstum der Pflanzen stark eingeschränkt – Gras wächst erst ab einer Bodentemperatur von 5 – 8 Grad Celsius.
Die Folge: Die gebildeten Zucker werden nicht weiterverarbeitet, sondern reichern sich in den Gräsern an. Besonders betroffen sind intensiv genutzte Weiden mit Hochleistungsgräsern wie bspw. dem Deutschen Weidelgras (Lolium perenne), das von Natur aus zu einer erhöhten Fruktanspeicherung neigt.
Für Pferde stellt ein hoher Fruktangehalt im Futter eine erhebliche Belastung dar. Fruktane können im Dünndarm nicht ausreichend aufgeschlossen werden und gelangen in den Dickdarm, wo sie von Mikroorganismen fermentiert werden. Dies führt zu einer Verschiebung der Darmflora, einem Absinken des pH-Wertes und in der Folge zum Absterben wichtiger Bakterien. Dabei können Toxine freigesetzt werden, die in den Blutkreislauf gelangen. Die möglichen Folgen reichen von Verdauungsstörungen und Koliken bis hin zur gefürchteten Hufrehe und anderen Stoffwechselproblemen, die für betroffene Pferde schwerwiegende und langfristige Konsequenzen haben kann.
Neben dieser bekannten Zuckerproblematik rückt ein weiterer Faktor zunehmend in den Fokus: natürliche Giftstoffe im Gras selbst.
Gräser sind keineswegs passive Futterpflanzen, sondern Teil komplexer Lebensgemeinschaften. Viele von ihnen leben in enger Symbiose mit sogenannten Endophyten – Pilzen, die im Inneren der Pflanze wachsen, ohne sie zu schädigen. Das Gras stellt diesen Mikroorganismen Nährstoffe zur Verfügung, insbesondere die gebildeten Zucker. Im Gegenzug produzieren die Pilze chemische Verbindungen, die der Pflanze Vorteile verschaffen, etwa eine höhere Widerstandsfähigkeit gegenüber Umweltstress oder Fraß.
Diese Stoffe dienen der Pflanze als Schutzmechanismus, können für Pferde jedoch problematisch sein. Es handelt sich dabei häufig um Alkaloide und andere sekundäre Pflanzenstoffe, die auf das Nervensystem oder den Stoffwechsel wirken können. Besonders kritisch ist, dass diese Substanzen nicht zufällig auftreten, sondern durch bestimmte Bedingungen begünstigt werden. Stresssituationen wie Frost, starke Temperaturschwankungen, Trockenheit oder intensive Beweidung können die Produktion solcher Pilzgifte erhöhen.
Gerade Hochleistungsgräser sind hiervon häufig betroffen. Durch Zucht und Nutzung wurden über die Jahre vor allem solche Pflanzen begünstigt, die besonders widerstandsfähig sind. Diese Robustheit steht oft in direktem Zusammenhang mit ihren Pilzpartnern und den von ihnen gebildeten Abwehrstoffen. Gleichzeitig führt starke oder wiederholte Beweidung dazu, dass sich genau diese widerstandsfähigen – und potenziell stärker belasteten – Pflanzen auf den Flächen durchsetzen.
In der Praxis entsteht so eine besonders kritische Situation, wenn mehrere Risikofaktoren zusammenkommen:
- kalte Nächte mit Frost, sonnige Tage,
- kurzes oder stark abgefressenes Gras sowie
- ein früher Weidegang, insbesondere in den Morgenstunden.
In solchen Phasen ist nicht nur der Fruktangehalt im Gras erhöht, sondern auch die Wahrscheinlichkeit für eine erhöhte Belastung mit Pilzgiften. Pferde nehmen somit eine Kombination aus schnell vergärbaren Kohlenhydraten und potenziell toxischen Substanzen auf.
Hinzu kommt, dass die Symptome nicht immer eindeutig sind. Neben klassischen Verdauungsproblemen oder Hufrehe können auch unspezifische Erscheinungen wie Unruhe, Leistungsschwäche, Muskelzittern oder Koordinationsprobleme auftreten. Diese werden in der Praxis nicht selten anderen Ursachen zugeschrieben, sodass die Rolle der Weide als Auslöser unterschätzt wird.

Ein durchdachtes Anweidemanagement ist daher von zentraler Bedeutung. Mit dem Anweiden sollte idealerweise erst begonnen werden, wenn die Nächte dauerhaft frostfrei sind und ein kontinuierliches Pflanzenwachstum eingesetzt hat.
Der Weidegang sollte zunächst auf wenige Minuten begrenzt und über mehrere Wochen hinweg schrittweise gesteigert werden. Zudem ist es sinnvoll, die Pferde nicht hungrig auf die Weide zu lassen, sondern vorab Heu zu füttern, um ein hastiges Fressen größerer Mengen zu vermeiden.
In kritischen Wetterphasen empfiehlt es sich, die Weidezeiten sorgfältig zu wählen oder gegebenenfalls ganz auszusetzen.
Zusammenfassend zeigt sich, dass das Anweiden im Frühjahr ein sensibler Prozess ist, der weit mehr Aufmerksamkeit erfordert, als häufig angenommen wird. Die Kombination aus hohen Fruktangehalten und möglichen Pilzgiften im Gras stellt insbesondere unter Frostbedingungen ein ernstzunehmendes Risiko dar. Wer die zugrunde liegenden Zusammenhänge kennt und entsprechend handelt, kann dazu beitragen, die Gesundheit der Pferde nachhaltig zu schützen und typische Frühjahrsprobleme gezielt zu vermeiden.
