Sweeney Shoulder – Lähmung des nervus suprascapularis

Unfälle sind leider keine Seltenheit – und ihre Folgen können gravierend sein. In diesem Fall erlitt das Pferd im September 2022 einen Sturz, bei dem der Nervus Suprascapularis geschädigt wurde. Dieser Nerv ist entscheidend für die Versorgung der Muskulatur rund um das Schulterblatt und damit für die Stabilität der Schulter bzw. der kompletten Vorhand und damit auch des Rumpfes.

Nach einer ersten physiotherapeutischen Stabilisierung im Stand haben wir gezielt mit der Bewegungstherapie im Rahmen des Körpertrainings begonnen.

Im Video wird deutlich:

  • Die linke Vorhand war nach dem Unfall stark instabil,
  • der Bewegungsablauf deutlich eingeschränkt und unsicher.

Das Ergebnis nach vier Monaten gezieltem Training:

  • das Pferd steht wieder entspannt
  • freie, deutlich stabilere Bewegung im Bewegungsstall
  • selbst der Galopp ist wieder möglich
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Ein Beispiel dafür, wie wichtig gezielte, durchdachte Therapie und Training für die Regeneration und langfristige Stabilität des Pferdes sind!


Weiterführende Informationen

Die sogenannte Sweeney Shoulder beschreibt eine Schädigung des Nervus Suprascapularis, die meist infolge eines Traumas entsteht – zum Beispiel durch einen Sturz, einen Anprall oder ein Hängenbleiben (bspw. an einer Raufe). Dieser Nerv versorgt wichtige Muskeln rund um das Schulterblatt, insbesondere den Musculus Supraspinatus und den Musculus Infraspinatus.

Der Musculus Supraspinatus befindet sich vor der Schulterblattgräte (Spina scapulae), also im vorderen Bereich des Schulterblatts. Er liegt relativ „oben“ und zieht vom oberen Rand des Schulterblatts hinunter zum Oberarmknochen. Seine Hauptaufgabe ist es, das Schultergelenk zu stabilisieren und vor allem den Oberarm in der Stützphase zu unterstützen, wenn das Pferd Gewicht aufnimmt.

Musculus Infraspinatus

Der Musculus Infraspinatus liegt hinter der Schulterblattgräte, also im hinteren Bereich der Schulter. Er füllt die große Fläche unterhalb der Gräte aus und zieht ebenfalls zum Oberarmknochen. Dieser Muskel ist besonders wichtig für die seitliche Stabilität der Schulter und verhindert unkontrollierte Bewegungen des Schultergelenks, insbesondere ein Ausweichen oder „Wegkippen“ der Vorhand – wie oben auf dem Video ersichtlich.

Musculus Infraspinatus

Beide Muskeln arbeiten eng zusammen wie ein funktionelles Stabilisationssystem. Fällt einer davon durch eine Nervenschädigung – wie bei der Sweeney Shoulder – teilweise aus, verliert die Schulter deutlich an Führung und Stabilität, was sich sofort in der Bewegung der Vorhand zeigt.

Fällt diese nervale Versorgung teilweise oder vollständig aus, verändert sich das Erscheinungsbild des Pferdes oft deutlich. Typisch ist ein sichtbarer Muskelschwund vor und hinter der Schulterblattgräte, wodurch die Schulter „eingefallen“ wirkt. In der Bewegung zeigt sich häufig eine instabile Vorhand: Das betroffene Bein wirkt unsicher, das Schultergelenk kann beim Auffußen leicht nach außen kippen und der gesamte Bewegungsablauf ist verkürzt oder unkoordiniert. Schmerzen stehen dabei oft nicht im Vordergrund, da es sich in erster Linie um ein neurologisches und funktionelles Problem handelt.

Durch die fehlende Ansteuerung baut die betroffene Muskulatur ab, und das Schultergelenk verliert zunehmend an Führung. Der Körper versucht, dies zu kompensieren, was jedoch häufig zu Fehlbelastungen und weiteren Problemen führt. Umso wichtiger ist es, frühzeitig gezielt gegenzusteuern.

Die Prognose hängt stark vom Ausmaß der Nervenschädigung ab. Leichtere Fälle können sich innerhalb weniger Wochen deutlich verbessern, während schwerere Läsionen mehrere Monate benötigen und unter Umständen nicht vollständig ausheilen. Entscheidend ist dabei nicht nur die Zeit, sondern vor allem die Art der Unterstützung.

In der ersten Phase steht die physiotherapeutische Stabilisierung im Vordergrund, um dem Pferd im Stand Sicherheit zu geben und erste Muskelaktivität zu fördern. Anschließend gewinnt die Bewegungstherapie zunehmend an Bedeutung. Ziel ist es, durch kontrollierte und saubere Bewegungsabläufe die Stabilität Schritt für Schritt wieder aufzubauen und den Nerv-Muskel-Kreislauf zu reaktivieren. Dabei geht es nicht um möglichst viel Bewegung, sondern um gezielte, funktionelle Arbeit.

Ein häufiger Trugschluss in der Praxis ist, dass Pferde scheinbar „wieder gut laufen“, obwohl sie in Wirklichkeit vor allem kompensieren. Ohne gezielten Trainingsaufbau fehlt weiterhin die echte Stabilität, was langfristig zu Folgeschäden führen kann. Genau hier setzt durchdachtes Körpertraining an: Es hilft, nicht nur Symptome zu verbessern, sondern die Grundlage für eine nachhaltige Regeneration zu schaffen.

Kann ein Pferd mit einer Sweeney Shoulder wieder geritten werden?

Das lässt sich nicht pauschal mit Ja oder Nein beantworten. Ob ein Pferd mit einer Sweeney Shoulder wieder geritten werden sollte, hängt vor allem von drei Faktoren ab:

  • Ausmaß der Nervenschädigung
  • Qualität der Regeneration und
  • tatsächliche funktionelle Stabilität

Wenn sich der Nerv ausreichend erholt hat und das Pferd die Schulter wieder aktiv stabilisieren kann, ist Reiten grundsätzlich möglich. Entscheidend ist dabei nicht, ob das Pferd „irgendwie läuft“, sondern ob es die Vorhand kontrolliert, gleichmäßig und ohne Ausweichbewegungen belastet. Das bedeutet konkret: kein Wegkippen im Schultergelenk, keine deutliche Asymmetrie und kein Ausweichen in andere Strukturen.

Viele Pferde wirken nach einiger Zeit wieder „fit“, bewegen sich aber in Wahrheit über Kompensationsmechanismen. In solchen Fällen würde Reiten die Problematik eher verschärfen, weil zusätzliches Gewicht und reiterliche Einwirkung die instabile Struktur weiter überfordern. Langfristig sind dann Folgeprobleme vorprogrammiert – oft in anderen Bereichen wie Hals, Rücken oder der gegenüberliegenden Gliedmaße.

Wenn das Pferd hingegen durch gezieltes Training wieder eine tragfähige Muskulatur aufgebaut hat, die Bewegung sauber und stabil ist (keine Kompensationsmechanismen vorhanden sind) und auch anspruchsvollere Bewegungen kontrolliert möglich sind, kann ein vorsichtiger Wiedereinstieg ins Reiten möglich sein. Dieser sollte allerdings gut begleitet und langsam gesteigert werden.

Sei ehrlich zu dir und deinem Pferd.

Ein Pferd schuldet niemandem eine bestimmte Leistung und hat ein Recht darauf, auch als Beisteller ein gutes und beschwerdefreies Leben zu führen.

Gerade bei einer Sweeney Shoulder ist wichtig zu verstehen, dass nicht nur der Nerv betroffen sein kann. Häufig liegen zusätzlich weitere strukturelle oder funktionelle Einschränkungen vor, die die Kompensation verstärken oder die vollständige Wiederherstellung der Bewegungsfunktion verhindern.

Wenn ein Pferd trotz sorgfältigem Aufbau weiterhin kompensiert, instabil bleibt oder sich nicht nachhaltig verbessert, sollte das Ziel nicht das „Zurück ins Reitpferdeleben“ um jeden Preis sein. In solchen Fällen steht das Wohlbefinden des Pferdes klar im Vordergrund – auch wenn das bedeutet, es dauerhaft nicht mehr zu reiten.