Schaukeln statt Pferdetraining? Warum die Schaukel an heißen Tagen zum besten Trainingsgerät werden kann

Das Video zeigt die Kontrolle der kapillaren Rückfüllzeit, ein klinischer Test zum Kreislaufzustand.

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An sehr warmen Tagen sollte das Wohl des Pferdes immer an erster Stelle stehen.

Während viele Menschen sommerliche Temperaturen genießen, sind Pferde deutlich besser an die kühle Witterung angepasst.
Die Wohlfühltemperatur von Pferden liegt zwischen 5 und 15 °C.
Von 20 bis 25 °C steigt die Belastung für den Organismus des Pferdes deutlich an. Um die Körpertemperatur konstant zu halten, muss es erheblich mehr Wärme über Schwitzen und Atmung abgeben. Gleichzeitig gehen große Mengen Wasser und Elektrolyte verloren.
Ab 30 °C nimmt die Belastung noch mehr zu und es kann zu Gangunsicherheiten, Apathie, Schwäche und auch zu einem Hitzeschlag mit folgendem Zusammenbruch kommen.

Deshalb gilt: Manchmal ist es die bessere Entscheidung, dem Pferd einen Ruhetag zu gönnen.

Doch Trainingspause bedeutet keineswegs Stillstand:
Wer etwas für sein Körpergefühl tun möchte, findet im Schaukeln eine überraschend effektive Alternative. Was zunächst nach Kindheitserinnerung klingt, ist biomechanisch betrachtet ein funktionelles Ganzkörpertraining, welches viele Fähigkeiten fördert, die im Training entscheidend sind – ganz ohne das Pferd körperlich zu belasten.

Der Bewegungsablauf / Longieren / Reiten / Fahren

Unabhängig davon, ob wir im Sattel sitzen, ein Pferd vom Boden aus longieren oder ein Gespann fahren – die Qualität der Kommunikation mit dem Pferd beginnt immer beim Menschen selbst. Entscheidend sind dabei nicht einzelne Techniken, sondern grundlegende körperliche Fähigkeiten: Balance, Beweglichkeit und Körpergefühl, die sich durch Schaukeln gezielt und effektiv trainieren lassen.

Gleichgewicht unter Bewegung

Beim Schaukeln befindet sich der Körper in einer ständigen rhythmischen Vor- und Rückbewegung. Um stabil zu bleiben, muss der Rumpf aktiv ausgleichen, während Becken und Hüfte beweglich bleiben. Genau dieses Zusammenspiel entspricht dem, was auch im Sattel, auf dem Kutschbock oder beim Longieren erforderlich ist: Stabilität in der Körpermitte bei gleichzeitiger Elastizität in den „beweglichen“ Bereichen.

Training der Tiefenmuskulatur

Die tiefliegende Stabilisationsmuskulatur arbeitet beim Schaukeln permanent, um kleine Schwankungen auszugleichen. Diese Muskulatur sorgt für eine stabile Körperachse, ohne den Körper zu versteifen. Die rhythmische Bewegung fördert die Fähigkeit, Bewegungen im Körper aufzunehmen und weiterzuleiten – beispielsweise vom Becken über die Wirbelsäule bis in die Schultern und Hände. Dadurch kann jede Bewegung – im Sattel, am Boden oder auf dem Kutschbock – weich durch den Körper „durchfließen“ und abgefedert werden, ohne dass das Pferd über Zügel, Longe oder Leinen unbewusst blockiert wird.
Zudem aktiviert Schaukeln intensiv das propriozeptive System – also die Sinneswahrnehmung für Körperposition, Muskelspannung und Bewegung. Das Gehirn lernt, kleinste Veränderungen schneller zu erkennen und auszugleichen. Diese Fähigkeit ist direkt übertragbar auf alle Pferdearbeitsformen: im Sattel für den ausbalancierten Sitz, am Boden für eine klare Körperposition und auf dem Kutschbock für ruhige, präzise Einwirkung.
Auch vermittelt Schaukeln ein natürliches Gefühl für Rhythmus und zeitliche Abstimmung von Bewegung. Dieses „Timing-Gefühl“ ist im Umgang mit dem Pferd zentral – etwa beim Mitsitzen im Takt, beim Geben von Hilfen oder beim ruhigen Führen eines Gespanns.

Gezieltes Muskeltraining für „klemmende Beine“

Viele Reiter neigen dazu, die Adduktoren (die Muskulatur an der Innenseite der Oberschenkel) dauerhaft anzuspannen, weil sie gelernt haben, dass ein fester „Knieschluss“ Sicherheit vermittelt. Tatsächlich kann ein übermäßiges Klemmen jedoch die Beweglichkeit des Beckens einschränken und einen elastischen Sitz erschweren. Beim Schaukeln lässt sich bewusst eine entspannte, leicht geöffnete Beinhaltung einnehmen, sodass die Abduktoren (die seitliche Hüftmuskulatur) stärker mitarbeiten. Dadurch kann das muskuläre Gleichgewicht rund um Hüfte und Becken verbessert werden. Ein lockerer, ausbalancierter Sitz ermöglicht es dem Reiter, die Bewegung des Pferdes besser aufzunehmen, anstatt sie durch Klemmen zu blockieren. Dies kommt letztlich auch dem Pferd zugute.

Das vestibuläre System trainieren

Besonders profitiert beim Schaukeln das vestibuläre System – also der Gleichgewichtssinn im Innenohr. Je besser dieses System arbeitet, desto schneller kann der Körper auf unerwartete Bewegungen reagieren. Dies kann beispielsweise hilfreich sein, wenn das Pferd stolpert, einen Seitensprung macht oder plötzlich anhält.

Bewusste Atmung und mentale Entspannung

Wer beim Schaukeln bewusst und tief atmet, schult nicht nur seine Atmung, sondern auch seine innere Ruhe. Mit der Zeit fällt es leichter, selbst in herausfordernden Situationen, gelassen zu bleiben. Diese Gelassenheit wirkt sich positiv auf Sitz, Körperspannung und Konzentration aus. Weil Pferde fein auf die Atmung und Körpersprache ihres Menschen reagieren, profitieren auch die Pferde von dieser Ruhe. Ein entspannter Mensch schafft die Grundlage für eine vertrauensvolle und harmonische Zusammenarbeit.

Die gleichmäßige, rhythmische Bewegung der Schaukel wirkt auf viele Menschen zudem beruhigend, reduziert Stress und hilft dabei, den Alltag loszulassen. Wer mental entspannter ist, arbeitet häufig konzentrierter, geduldiger und gelassener mit seinem Pferd.

In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass Menschen in anspruchsvollen Situationen unbewusst die Luft anhalten oder in eine Pressatmung verfallen. Dabei wird nicht nur der Körper fester und unbeweglicher – die Pressatmung kann auch gesundheitliche Folgen haben. Während der Pressphase steigt der Druck im Brust- und Bauchraum deutlich an, wodurch der Blutdruck kurzfristig stark erhöht wird. Gleichzeitig wird der Rückfluss des Blutes zum Herzen vermindert. Dies kann Schwindel verursachen und das Herz-Kreislauf-System zusätzlich belasten. Bei Menschen mit Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist diese Reaktion besonders ungünstig. Darüber hinaus erhöht die Pressatmung vorübergehend den Druck im Kopf und in den Augen. Bei bestehenden neurologischen Erkrankungen oder einem Glaukom kann häufiges Pressen daher problematisch sein. Auch der Beckenboden wird durch den dauerhaft erhöhten Druck im Bauchraum belastet.

Pferdegerechtes Denken bedeutet auch Arbeit an sich selbst

Gerade an heißen Sommertagen zeigt sich verantwortungsbewusstes Training darin, das Pferd nicht um jeden Preis zu bewegen. Stattdessen kann der Mensch an Balance, Beweglichkeit, Stabilität und Körpergefühl arbeiten – Fähigkeiten, die später jedem Training zugutekommen.

An heißen Sommertagen bietet die Schaukel deshalb eine sinnvolle Möglichkeit, die eigene Fitness gezielt zu verbessern, während das Pferd die dringend benötigte Erholung erhält.

Wer an heißen Tagen auf das Wohl seines Pferdes achtet und stattdessen an seinem eigenen Körpergefühl arbeitet, investiert nicht in verlorene Trainingszeit – sondern in eine bessere Partnerschaft im Sattel.