Dehnen – aber richtig

Viele Menschen dehnen sich – oder auch ihr Pferd – nach jeder Trainingseinheit ganz automatisch, weil wir es so gelernt haben. Dabei geht es beim Dehnen vor allem darum, Beweglichkeit zu erhalten oder zu verbessern und das Gefühl von Muskelspannung zu beeinflussen. Oft wird jedoch vergessen, dass Muskeln auf unterschiedliche Weise arbeiten.

Grundsätzlich gibt es zwei Formen der Muskelarbeit:

Dynamische Muskelarbeit bedeutet Bewegung.

Der Muskel spannt sich an, entspannt sich wieder und bewegt dabei ein Gelenk. Beispiele dafür sind Gehen, Laufen oder Radfahren – beim Pferd größtenteils Schritt und Trab.

Dynamische Muskelarbeit

Bei dynamischer Muskelarbeit wird die Muskulatur ständig bewegt. Dadurch bleibt die Durchblutung gut erhalten und der Muskel wird kontinuierlich mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt.

Statische Haltearbeit bedeutet dagegen, dass der Muskel dauerhaft angespannt bleibt, ohne sich zu bewegen. Das passiert immer dann, wenn der Körper eine ungünstige Haltung ausgleichen muss (Zwangshaltung), bei längerem Stress oder durch unpassende Ausrüstung bzw. Kleidung.
Beispielsweise zu enge Hosen, ein schlecht sitzender BH oder beim Pferd ein unpassender Sattel oder Ausbinder, die das Pferd in eine Zwangshaltung bringen oder auch der Galopp, wenn die Abwärtshaltung zu stark ist – siehe auch: Galopparbeit.

Zwangshaltung – Haltearbeit

Bei statischer Haltearbeit bleibt der Muskel dauerhaft angespannt und drückt dabei auf seine eigenen Blutgefäße. Die Durchblutung wird vorübergehend eingeschränkt. Sauerstoff gelangt schlechter in den Muskel, Stoffwechselprodukte werden langsamer abtransportiert und die Muskulatur ermüdet schneller. Je länger diese Haltearbeit dauert, desto eher entstehen Verspannungen.

Verspannungen entstehen nicht, weil ein Muskel zu kurz ist, sondern weil er zu lange festhalten musste. Deshalb sollte man nicht nur die Verspannung behandeln, sondern vor allem die Ursache der Haltearbeit beseitigen.

Nun haben wir schon in der Schule gelernt, dass Dehnen nach dem Sport wichtig ist, und auch Fachzeitschriften zeigen regelmäßig Dehnübungen für Menschen und Pferde. Doch welches Dehnen ist wann sinnvoll?

Nach einer dynamischen Muskelarbeit spricht beim Menschen nichts gegen leichtes statisches Dehnen. Wer seine Beweglichkeit erhalten oder verbessern möchte, kann den Muskel anschließend ruhig und schmerzfrei dehnen. Beim Pferd ist Dehnen nach einer dynamischen Einheit hingegen nicht notwendig und sollte, wenn überhaupt, fachlich angeleitet erfolgen.

Statisches Dehnen nach dynamischer Muskelarbeit

Nach einer statischen Haltearbeit ist dagegen häufig dynamische Bewegung sinnvoller. Lockeres Gehen, sanfte Mobilisationsübungen oder leichte Bewegungen fördern die Durchblutung und helfen dem Muskel, wieder in den natürlichen Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung zu finden.

Statische Haltearbeit mit darauf folgender Dynamik

Es ist selten, dass mit einem Pferd statische Haltearbeiten gemacht werden, daher habe ich mich für das Beispiel der Zwangshaltung entschieden. Das Pferd links hat einen Spannungstrab. Der Unterhals schaut hervor und der Rücken ist weggedrückt, hintere Röhre und der Unterarm sind nicht parallel. Das Pferd hält sich in der Muskelkette fest und verspannt beim Laufen, weswegen es zu einer Taktunreinheit kommt. Hals und Rücken müssten aus der Zwangshaltung raus, damit Muskelreisläufe arbeiten können. Eine Massage (siehe auch Verspannungen) bringt hier wenig. Eine dynamische Muskelarbeit ist das Ziel, damit das Pferd von hinten nach vorne und Taktrein laufen kann..

Einige Muskelketten halten fest, daher sollte unbedingt in die Dynamik gewechselt werden

Ein Muskel, der bereits lange gegenhalten musste, ist durch die eingeschränkte Durchblutung bereits (vor)belastet. Wird er daraufhin zusätzlich über längere Zeit statisch gedehnt, bleibt der Muskel erneut unter Spannung und wird noch weniger versorgt. Aus physiologischer Sicht ist es deshalb sinnvoller, ihn zunächst wieder in Bewegung zu bringen, damit die Stoffwechselprozesse ihre Arbeit verrichten können.

Ganz anders ist es bei Hypermobilität

Wer bereits sehr beweglich ist, braucht meist keine zusätzliche Beweglichkeit. Hypermobile Menschen und Tiere haben häufig nicht zu wenig Beweglichkeit, sondern zu wenig Stabilität.

Ihre Muskulatur muss ständig mehr Haltearbeit leisten, um die Gelenke zu führen. Dadurch wirken sie oft verspannt, obwohl die Muskulatur in Wirklichkeit versucht, fehlende Stabilität auszugleichen.

Gelenkvergleich in der Hypermobilität wenn man die Weichteile dehnt (links) und wenn man die Weichteile kräftigt (rechts)

Zusätzliches Dehnen hilft hier nicht und verminderte die Gelenkstabilität sogar weiter. Sinnvoller sind gezieltes Kraft-, Koordinations- und Stabilitätstraining. Mit einer besseren Muskulatur werden die Gelenke sicherer geführt, die VORHER notwendige Haltearbeit nimmt ab und die vermeintlichen Verspannungen lassen nach, weil das Gelenk durch die gezielt aufgebaute und gestärkte Muskulatur gehalten wird.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Nach dynamischer Muskelarbeit: leichtes statisches Dehnen (beim Menschen) ist möglich, wenn die Beweglichkeit erhalten oder verbessert werden soll.
  • Nach statischer Haltearbeit: zunächst wieder in Bewegung kommen und dynamisch mobilisieren.
  • Bei Hypermobilität: Stabilität trainieren, statt die Beweglichkeit weiter zu erhöhen.